Lin/gTo-Rituale

Band 10: Shen-yu Lin: Mi-pham´s Systematisierung von gTo-Ritualen. 2005, 355 Seiten,  82,–  Euro

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Edition und Übersetzung des Werkes gTo-sgrom ´bum-tik gi dgongs-don lag-len khyer-bder bkod-pa´i gto yi cho-ga bkra-šis ´dod-´jo des Mi-pham-rnam-rgyal.

Das gTo-Ritual gehört zu einem Gebiet der Tibetologie, das bisher noch nicht eingehend bearbeitet wurde. Im Gegensatz zu anderen Ritualtätigkeiten, die das Interesse der Wissenschaftler gewonnen haben und somit erforscht wurden, bestehen trotz einer langjährigen Forschungsgeschichte der Tibetologie immer noch Unklarheiten über das gTo-Ritual. Zwar ist seit Jahren das Interesse einiger Wissenschaftler geweckt, jedoch erschwert der Mangel an schriftlichen Quellen eine systematische Untersuchung. Anderseits entzieht sich die Kenntinis der Praxis des gTo-Rituals normalerweise den Außenstehenden, da sie Fremden nicht zugänglich ist

Die vorliegende Untersuchung leistet  einen Beitrag zur Erschließung der tibetischen Literatur im Bereich des gTo-Rituals, welches jahrhundertelang geheim gehalten wurde. Die Untersuchung wurde mit der konkreten Zielsetzung unternommen, den von Mi pham rnam rgyal verfassten Text, der bislang als der umfassendste Text über gTo-Rituale gilt, zu edieren und zu übersetzen. Die in dem Text eingeschlossenen, mehr als 150 verschiedenen gTo-Methoden wurden in Gruppen zusammengefasst. Um über das gTo-Ritual einen Gesamtüberblick zu bekommen, werden der Textinhalt analysiert und die Eigenschaften des gTo sowie seine kulturellen Bezüge eingehend erörtert.

Was die Verbindung zwischen dem gTo und dem chinesischen Ritual angeht, so lässt sich angesichts der Tatsache, dass viele tibetische Begriffe phonetische Transkriptionen aus dem Chinesischen sind, vermuten, dass das Wort gTo die phonetische Wiedergabe eines chinesischen Begriffs, wie z. B. tao, sein könnte. In seiner grundlegenden Lehre und seinen Zielen weicht der gTo aber von dem Ritual der taoistischen Religion ab, dessen höchstes Ziel es ist, durch die Sublimierung der inneren Kräfte das reale, unsterbliche Sein zu erstreben. Eine mögliche Entsprechung zum gTo könnten die Zauberpraktiken sein, die von den chinesischen wu  seit frühesten Zeiten ausgeübt wurden und deren Unterscheidung vom Taoismus nicht nur für die Gelehrten im Mittelalter Chinas, sondern auch für moderne Wissenschaftler schwierig auszumachen war und ist. Eine Untersuchung, bei der man sich mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen dem tibetischen gTo und dem chinesischen taoistischen Ritual oder der chinesischen Magie beschäftigt, könnte in Bezug auf den Zusammenhang zwischen den Ritualen beider Kulturen zu wertvollen Ergebnissen führen.

Die Integration verschiedener Kulturen beim gTo ergibt sich aus einer Manipulation, bei der man die aus China übernommenen Rituale gemäß der einheimischen Bräuche umstellte und mit Absicht buddhistische Elemente einführte. Schließlich wurde gTo in die Hierarchie der buddhistischen Praxis aufgenommen, indem Mi pham ihn unter die Dienstmeditation (bsñen sgrub) subsumierte. Bei der Erläuterung seiner Beweggründe, den traditionell geheim gehaltenen gTo an die Öffentlichkeit zu bringen, verdient die viermalige Wiederholung des Wortes „Nutzen“ (phan) in jeder der Zeilen von Mi phams Schlussversen besondere Aufmerksamkeit. Er gab darin seine Absicht, „anderen zum Nutzen zu gereichen“ und den Wunsch, „großen Nutzen für andere entstehen zu lassen“ zu erkennen. Trotzdem mußte er aber bei einigen gTo auch Ermahnungen geben, weil sie vorwiegend zum eigenen Nutzen und auf Kosten anderer gehen. Immerhin hat der durch seine unparteiischen (ris med) Aktivitäten berühmte große Meister eine volkstümliche Praxis, die unter den besonderen Umständen der religiösen Atmosphäre des dominierenden Buddhismus in den Hintergrund gedrängt worden war, auf eine geschickte Weise bewahrt.

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